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WikiLeaks


Weltweit spricht man über WikiLeaks, eine sogenannte "Enthüllungsseite" im Internet.
Besonders seit Julian Assange, einer der Mitbegründer und zeitweise führender Kopf der dahinter stehenden Organisation, wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs angeklagt wird.
Nicht zufällig kam es dazu, als WikiLeaks gerade Dutzende von Depeschen US-amerikanischer Diplomaten veröffentlichte, die nach deren Willen lieber geheim geblieben wären.
Die Diskussion über Assange - schuldig oder nicht schuldig - muss nicht hier geführt werden, darüber kann ich mir kein Urtail erlauben.
Eher schon über die Art, mit der US-Politiker in unglaublich anmaßender Weise behaupten, dass die veröffentlichten Papiere "nationale Interessen", die "nationale Sicherheit" und natürlich "die Sicherheit einzelner Personen" gefährden würden. Mit den einzelnen Personen sind natürlich US-Bürger, genauer Regierungsmitglieder und -mitarbeiter, gemeint, andere "Personen" interessieren die US-Regierung ohnehin nicht.
Meinungsfreiheit?
Im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" nur für Meinungen, die nicht von der offiziellen politischen Meinung abweichen. Seit der "Bush-Diktatur" ist spätestens jedem klar, dass es mit der Meinungsfreiheit in den USA nicht weit her ist.

Nun werden wohl so einige Politiker - keineswegs nur amerikanische - feststellen müssen, dass ihre Geheimabsprachen nicht mehr unbedingt geheim bleiben. Das ist gut, gut für die Politik an sich, gut für alle, die noch an Demokratie glauben, aber schlecht für jene, die dachten, dass sie als "Herrschende" alles dürfen und deren Hauptaugenmerk auf das eigene Konto und auf ihre eigene Macht gerichtet war.
Bestechung, Korruption, Begünstigung sind seit etlichen Jahren in diesen Kreisen üblich, und nicht nur in totalitären Regierungen (altertümlich auch Diktaturen genannt), sondern gerade in angeblich "demokratischen" Staatsformen.
Dort sogar noch stärker, da man ja die Zeit bis zur nächsten Wahl nutzen muss, die eigenen Taschen zu füllen und die eigene Position zu stärken - man weiß ja nie, ob man (trotz aller Wahlmanipulationen) tatsächlich wiedergewählt wird.

Und plötzlich maßt sich also eine Organisation wie WikiLeaks an, diese schmutzigen Geschäfte und Geheimabsprachen öffentlich zu machen. Da war es klar, dass die vorab Genannten böse werden, so böse, dass sie gar den Tod von Assange fordern (US-Gouverneure !), und das Internet zensieren möchten, wie es bei Printprodukten seit Jahrzehnten üblich ist.

Nur:
Die denzentrale Struktur des Internet - von amerikanischen Militärs als ArpaNet so geschaffen - verhindert genau das. Die dezentrale Struktur (also ohne Hauptserver, über den alle Daten laufen) wurde damals gewählt, um sicherzustellen, dass das Netz auch feindlichen Angriffen standhält, da es keinen Punkt gab, durch dessen Zerstörung man das ganze Netz ausschalten konnte.
Aber nun wird es von Leuten genutzt, die einfach schmutzige Geheimnisse allen vernetzten (Welt)Bürgern zugänglich machen wollen.

Nur die Art, wie Julian Assange mit dem WikiLeaks zugespielten Material umgeht, wirft einen dunklen Schatten auf die gut gemeinte Idee. Die Transparenz, die er von Politikern fordert, will er selbst nicht gewähren.
So wurden von den 250.000 Dokumenten, die WikiLeaks erhielt, erst wenige hundert veröffentlicht. Nach welchen Kriterien, entzieht sich jeder Nachforschung, ebenso hat er sie - entgegen dem Willen seiner früheren Mitstreiter - lediglich einigen wenigen, ausgewählten Leitmedien aus den reichen Industrieländern zugänglich gemacht.
Dagegen haben die Journalisten und Medien in den Entwicklungs- und Schwellenländern, jenen Staaten also, die potenziell eher die dunklen Seiten der US-Außenpolitik zu spüren bekommen, keinen Zugang zu den Dokumenten.

Auch gibt er keine Auskunft, wie WikiLeaks mit den Spenden umgeht, von denen die Organisation lebt. Werden nur die Server damit bezahlt? Bekommen die Informanten Geld für ihre Informationen? Oder lebt Assange eventuell sogar im Luxus von den Spendengeldern?
Die Erfahrung lehrt uns, dass Geldflüsse ohne Kontrolle eher früher als später zum Missbrauch führen. Völlig offen ist etwa, ob die Spenden auch der Bezahlung seiner Anwälte dienen, die ihn im Verfahren über seine angeblichen Sexualdelikte in Schweden vertreten.

Gut ist, dass zwei ehemalige Mitarbeiter mit OpenLeaks eine weitere Internetseite, derzeit als transparente Plattform beabsichtigt, eröffnen wollen. Warten wir ab, ob das wie angekündigt geschieht - und stellen wir fest, dass wir eigentlich 2, 10 oder 100 WikiLeaks brauchen, um Politik wieder transparent zu machen, und damit das Interesse an politischen Entscheidungen wieder an den Souverän, das Volk, heranzutragen.
Wer weiß, vielleicht werden auch irgendwann die Geheimnisse um den Kennedy-Mord 1963 enthüllt?
Oder wer eigentlich am Anschlag des 11. September mitgewirkt hat oder ihn ermöglichte und wer davon profitierte?

Aber halt, es gibt ja auch Stimmen, die davon ausgehen, dass die CIA hinter
Wikileaks steht, schließlich waren alle bisherigen Enthüllungen zwar peinlich für die Beteiligten, aber nicht wirklich schädlich für die USA.
Will man mit dieser
Enthüllungsplattform die Informanten ködern um umdichte Stellen in den eigenen Reihen zu finden?

Einen Coup hat man doch bereits mit Facebook gelandet - so viele persönliche Informationen über viele Millionen Menschen konnte selbst die CIA bisher nicht sammeln, und dort geben die Mitglieder sie sogar
freiwillig preis.

Ich möchte mit einem Brecht-Zitat diesen Artikel beenden und gleichzeitig einen Link zu einem erreichbaren WikiLeaks-Mirror anbieten - ein Service der taz, da ca. 1300 Server die WikiLeaks-Daten spiegeln, aber immer wieder einige von ihnen lahmgelegt oder vom Netz genommen werden und andere täglich neu dazukommen.

Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht

WikiLeaks

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